Kontext:
Dieser Text entstand für die Lesung ‘Reading and Writing in Dark Times’ im Zusammenhang mit der Ausstellung ‘Gefährdet Leben: queere Menschen 1933-45’ in der Stadtbücherei Augsburg 2025.
… was meinen wir damit? Und was versprechen wir uns davon? Was ist der Anlass, sich zu versammeln, um geschriebenes vorzutragen?
In seinem Essay-Band Black Paper (2021), der den Untertitel Writing in a Dark Time trägt, schreibt der nigerianisch-amerikanische Autor Teju Cole von der politischen Bedeutung der Zeugenschaft – bearing witness – Zeugnis ablegen, etwas bezeugen: “I feel compelled to consider what it might mean to abandon the conventions of ‘raising awareness’, of what it might mean to commit to the more dangerous work of bearing witness. The one who merely raises awareness can still pretend to neutrality, while the one who bears witness has already taken sides, has already committed to being unprofessional.”
Ich selbst denke immer wieder darüber nach, was es bedeutet, zu bezeugen. Zeugin zu sein. Und was diese Zeugenschaft unterscheidet von der ‘reinen’ Wahrnehmung, der Neutralität.
Die Wahrnehmung in sich ist zunächst passiv. Sie findet statt, ohne dass sie eine Handlung, oder eine Haltung erfordert. Etwas zu Bezeugen ist dagegen aktiv. Es setzt eine Form von Positionierung voraus und deutet schon auf einen Handlungsraum hin. Man bedenke darüber hinaus die vielfältigen Phrasen, in denen sich dieses Wort finden lässt: man wird Zeuge einer Tat, eines Wunders, oder eines Verbrechens. Man bezeugt die Wahrheit – oder man bezeugt Leidenschaft, d.h. bringt sie zum Ausdruck. In einem Gespräch hierüber sagte ein Freund zu mir einmal folgenden Satz:
“Ich fühle mich wie einer dieser Kanarienvögel, der von den Minenarbeitern früher in die Schächte mitgenommen wurde und krepierte, wenn der Gasgehalt in der Luft zu hoch wurde… Wie eine Zelle in der Multitude des menschlichen Gehirns, deren Autoimmun-Warnsystem immer mehr durchdreht und sagt ‘Oh oh hier läuft gerade zu viel schief’, während das business as usual eben so voranschreitet, immer tiefer in die Polykrise.”
Dabei fühle ich mich zuweilen so machtlos, derweil die Umfragewerte der Neuen Rechten noch schneller klettern, als die durchschnittliche globale Erwärmung – beides bedrohlich, beides in eine Trance versetzend, während ich mir denke, dass ich ja großer Fan von Heilung und Zärtlichkeit bin, aber der mehrheitliche Rest scheint oft mehr an Wutrede, Verbrennermotoren, Grenzzäunen und klassischen Frauenrollen interessiert zu sein. Und es fallen Bomben, und die Wasser steigen – und “die Leute fuhren fort zu essen und zu trinken, zu heiraten und zu verheiraten […] sie hörten nicht auf zu essen, zu trinken, zu kaufen, zu verkaufen, zu pflanzen und Häuser zu bauen”, heißt es lustigerweise in der Bibel.
Dies alles aktiv zu bezeugen, anstatt nur wahrzunehmen, eine Haltung dazu zu haben, darüber zu sprechen, sich auszutauschen, hilft zumindest mir, nicht von der Ohnmacht erdrückt zu werden. Es heißt für mich auch und vor allem: Einander zu bezeugen. Mit dem Verstand, aber ebenso mit den Sinnen, wie Teju Cole hervorhebt: “Moving through the world, finely tuned, encountering others who are also finely tuned, their bodies mingled with ours, their intricacy and subtlety: all of this bears on our ethical responsibility towards others.”
In diesen dunklen Zeiten scheinen unsere ethischen Verantwortungen vielfältig. Eine davon, für uns queere Menschen, ist es vielleicht, entgegen des Druckes sichtbar und hörbar zu bleiben; denen um uns herum unser Dasein zu bezeugen, durch die Geschichte hindurch, erinnernd, bis zum jetzigen Moment, in dem wir uns vor allem versammeln, um aktiv aneinander Teil zu haben. Uns gegenseitig nicht nur unsere Präsenz zu bezeugen; die Fähigkeit, zu sprechen, zu teilen, zu bewegen, Positionen zu halten, sondern uns darin allem voran unsere Menschlichkeit zu bezeugen. “To paraphrase Édouard Glissant”, schreibt Cole, “when we regard each other, we should tremble. […] I open myself up to shake off ‘raising awareness’ and take on ‘bearing witness’, to go closer, to feel what I feel there (wherever ‘there’ may be), to observe what I sense and transmute that into shared responsibility, into a knowledge that my body – our bodies – were made fit for it.”
Und so eröffnen wir unsere Lesung mit einer Rede von Sophie Zibell.
[…]
Es folgt ein Text von einer Freundin aus Chicago, vorgetragen durch meinen Mund.
Es ist spannend, dass ich die USA besuchte und wieder verließ, ganz kurz bevor der Wiedergewählte erneut ins Amt geschworen wurde. Jetzt könnte ich das Land wohl überhaupt nicht mehr betreten. Eine executive order stellt die Einreise von trans Personen auf Basis ihrer Dokumente und dem Geschlechtseintrag bei Geburt potentiell unter Strafe. Material Fraud, heißt es. Ich hab aus der Ferne beobachtet, wie sie die Pässe von trans Personen einziehen, umändern, ihnen die Ein- und Ausreise zu verweigern beginnen.
Ich denke an diese Freundin aus Chicago. Und andere mir nahe Menschen. An eine ganze Reihe Freund*innen, denen potentiell… würden sie es versuchen, die Ausreise verweigert würde. Verweigert würde, mich zu besuchen. Verweigert würde, zu flüchten.
Wie fühlt es sich an, sein Land, sein Land im Kippzustand, nicht mehr verlassen zu dürfen? Darin festgesetzt zu werden? Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich nur, wie es sich anfühlt, nicht einreisen zu dürfen. Potentiell an der Grenze abgewiesen, oder eingeknastet zu werden – es gibt Menschen, denen genau dies in den letzten Wochen geschah. Es umhüllt mich mit einem Schleier, es ist surreal. So seltsam Teil des Verschiebungsprozesses… So konnte ich also noch meinen verlängerten Brat-Summer mitnehmen, bis kurz vor Einbruch des fascist winter.
Und weil unsere Kämpfe nie nur lokal, sondern stets eingebettet in globale Bewegungen, politische Verschiebungen und Zuspitzungen sind; weil unser Blick sich immer in viele Richtungen gleichzeitig wenden sollte, ohne dabei den Fokus aufs Hier zu verlieren – ein Text aus Chicago, von Cameron Smith:
Transient Transposition; A Local Cue.
Safety in tune, three point one two.
Who do we trust? Not me, what, you?
A country, not far, politicians seldom local.
J.P. money hold
Statements so bold
Waves wash
Wait for debate
CPS, lucky?
Children scold
Of the grave
Scorched families of delusion.
Our time is intervening
Only human.
Anti-Fear.
Galvanize petition,
Hear a better year.
Justified positions
Courage and only virtue.
Morality intact
This is the current issue.
Who was displaced, and what is our position?
Home is very queer.
Native inhabitant’s commitment.
Forty Five Miles
Out
Is Weird.
Reach a higher disposition.
Es folgt eine szenische Lesung von Melinka Karrer
[…]
Ist man ein*e Faschist*in, wenn man faschistische Dinge sagt, ohne sie zu ‘meinen’? Was ich meine ist: Ist man Faschist*in, wenn der Faschismus nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst oder Neurose,in einem wirkt?
Seit Covid konnte ich meine Mutter nicht mehr sehen, ohne dass sie irgendwann zu weinen begann. Ich konnte meine Eltern nicht sehen, ohne mit ihnen zu streiten, oder penibel und mit größter Anstrengung einen falschen Frieden zu wahren. Ein Frieden der um etwas herum tanzt, etwas verschlossen hält.
Meinen Eltern fehlt das Bildungsprivileg, das ich mit mir herumtrage. Ihnen fehlt die Medienkompetenz, mit der ich ausgestattet wurde. Sie verstehen nichts von Politik, weil diese zuvor nie wirklich interessant für sie war. Weil sie ein Leben leben konnten, innerhalb dessen sie sich mit allen Markern einer ‘ganz normalen “Mittelschicht”‘ schmücken konnten: Haus, Auto, Kind, Katzen. Klar alles auf pump, alles Simulation, wie sonst mit Hauptschulabschluss und ‘nem Job als Putzfrau und Lagerarbeiter? Aber immerhin weiß und deutsch, also zahlt die Bank dann doch für’s ersehnte Eigenheim mit Garten am Dorfrand. Muss zwar per Hand komplettrenoviert werden und die Schulden bleiben die nächsten 30 Jahre, aber die Idylle ist doch perfekt, oder? Ach es muss schon toll gewesen sein, damals in den 80ern als Kapitalismus noch Spaß gemacht hat und die Zukunft noch goldene Morgendämmerung war…
Es war wirklich anstrengend, dieses Gespräch mit meinem Vater zu führen, in dem ich ihm zu erklären versucht hatte, dass er vieles sei, aber mit Sicherheit kein Teil dieser ominösen “Mittelschicht” (was er, trotz größter Mühen, ja auch nie ganz akzeptiert hat)…
Egal, ich schweife ab, Faschismus war das Thema: Was viele Bildungsbürgis, deren whole deal es ja ist, sich für was besseres zu halten (selbiges gilt für uns Linke ja auch), nie ganz verstanden haben, ist, dass viele der Schwurblis, die während Covid die Straßen geflutet haben, eine ganze Reihe guter Gründe haben, dem Staat zu misstrauen. Zum Beispiel, weil sie ihr Leben lang mit Lügen über die goldene Zukunft und die Früchte ihrer Arbeit und Freiheit und blablabla gefüttert wurden, nur um dann zu merken, dass das alles nichts als bullshit war und auf sie nichts anderes wartet, als Jobcenter-Tyrannei, Altersarmut und Verfall. So ein Knüppel kann schon hart kommen. Blöd nur, dass sich der Erweckungsmoment an diese blöde Pandemie koppelt – und das persönliche Entsetzen über keine Analysekompetenzen verfügt, auf die es zurückgreifen könnte. Also halt die conspiracy pipeline. Muss ja wohl nicht viel zu gesagt werden…
Wer aber steckt hinter den Tränen, die meine Mutter weint, wenn sie von der Impfung spricht? Wer spricht, wenn sie sagt, dass jemand wie Putin doch gut für unser Land wäre? Welche Mutter ist die richtige? Diejenige, die sich die Freiheit unter einem starken Unterdrücker wünscht, oder diejenige, die sich bemüht (?), zu zeigen, dass sie ihre trans Tochter dennoch liebt, egal auf welche verrückte Idee sie jetzt wieder kommt? “Und wie”, frage ich, “soll ich irgendwas von deiner Akzeptanz und ‘Liebe’ ernst nehmen, wenn du dir zugleich einen Putin wünschst, oder denkst das in Ungarn die wahre Freiheit verteidigt wird? Do you love me or do you want me dead for chrissake?! Und wären das die 1930er, würdest du dann nicht für Hitler jubeln?” – All das fragt mein Fiebertraum-Ich, dass über das Hoch der AfD nachdenkt und darüber, dass es Angst davor hat, seine Eltern auf diese Partei anzusprechen… Angst hat vor ihrer Antwort.
Wer bist du, Mutter? Der Mensch, der mich liebt, mich verstehen und sehen will – oder der Mensch der sich täglich stundenlang Podcasts von dreckigen Nazitrotteln anhört und denkt, dass die Sucht nach dem, was Angst macht, gleichbedeutend ist mit einer Kartographie der Wahrheit.
Edouard Louis fragt “Wer hat meinen Vater getötet?”… (Ich habe das Gefühl er hat über meinen Vater bereits geschrieben, was ich sonst hätte schreiben müssen) – Und ich folge seiner Erörterung mit Tränen in den Augen, und frage selbst: Wer hat meine Eltern getötet, wer tötet sie fortwährend in diesem unheimlichen und ekelhaften Prozess? Wer bringt sie dem Faschismus als blinde Opfer dar? Wer tötet unsere Beziehung zueinander, erstickt ihre Möglichkeiten?
Es heißt an manchen Stellen, der Faschismus sei keine Ideologie, keine Überzeugung der Masse, sondern ein Fiebertraum, der sie erfasst. Er reproduziert sich nicht durch Ideen, sondern im Körper selbst. Den Mikro-Faschismen, die in uns wohnen. Der Angst und Hilflosigkeit, aus der wir einen Ausweg suchen. Er tut nichts anderes, als jene Ängste zu säen, die er sodann freudig bedient. Er braucht keine Überzeugung, er braucht die Neurose. Er ist keine Ideologie, sondern eine Infektion.
Meine Mutter stirbt vor meinen Augen. Wir sterben füreinander. Und ich stelle mir weiter die Frage: Ist man ein*e Faschist*in, wenn man Faschismus spricht, ohne ihn zu ‘meinen’? Ist man Faschist*in, oder erkrankt, infiziert? Und was die Antwort auch sein mag – wohin von hier aus gehen?
… Das, dieser Text, war vor etwas mehr als zwei Jahren und viel davon fühlt sich wie lange Vergangenheit an. Viele Mühen sind im Sand versickert, viel ist noch mehr dahingerafft, verstorben, verweht. Da war bald kein Versuch mehr, sich zu sehen, zu verstehen. Anstatt einander zu bezeugen, hieß es dann, sich abwenden – for better, or for worse. Ist das Flucht? Ist das Schutz? Oder beides zugleich? Ohne eine klare Antwort geben zu wollen, sitze ich hier mit noch einem kleinen Text, und der geht so:
Ich lebe in einer Welt, in der alles Schöne einer erbarmungslosen Maschine zum Opfer fällt. Eine Welt in der sich alles Schaffende einer allumfassenden Zerstörung entgegen stellen muss. Einer Welt der Grenzen, deren Zäune immer nur noch schärfere Stacheln haben sollen. An deren Rand immer mehr Menschen ertrinken sollen. Eine Welt, die immer mehr Gefängnisse braucht und Kasernen. Und Fabriken. In der diese Drei immerwährend zu einer unheiligen Dreifaltigkeit verschmelzen. Eine Welt in der riot cops Kinder aus Bäumen zerren, um diese endlich fällen lassen zu können. In der riot cops Spalier stehen mit Prunk und Selbstgefälligkeit, vor den Toren einer Automobilmesse, die beschützt wird wie Salomos Tempel. Eine Welt der Vertreibung. Verdrängung. In der sich erwachsene Menschen “Fuck Greta” Sticker auf ihre SUVs kleben und dann aus jenen SUVs springen um auf “Klimakleber” einzutreten. Deren größtes Problem das “Gendern” ist, weil sie davon überzeugt scheinen, dass es ihnen einen fundamentalen Teil ihrer Menschlichkeit raubt… Eine Welt in der Covid die “Schäfchen” hat “erwachen” lassen, weil es zum ersten Mal ein Problem gibt, dass eben nicht nur die Anderen betrifft: die Flüchtlinge und die Homos, die Obdachlosen und Transen und Migranten, die Anderen halt und die sind doch eh alle selbst schuld! Eine Welt der Traumata statt Träume, in der Heilung gleichbedeutend wird mit Rebellion. Und Hoffnung gleichbedeutend mit Aberglaube.
Ich will nicht predigen, keine Hoffnung und keine Verzweiflung… Ich will ja nur verarbeiten. Das Trauma verarbeiten, dass es bedeutet, hier zu leben, hier leben zu wollen, atmen zu wollen, heilen zu wollen, frei sei zu wollen (lol).
Jajaja, Elegie, Elegie – geht das jetzt ewig so weiter in diesem Teil?
– Jetzt hab doch ein wenig Geduld…
I don’t want this text to only be a body of trauma. It’ll be be part of it no matter what, but… I want there to be joy. I want the trauma to get overwhelmed by joy. I want to produce it, describe it, excavate it, dwell in it like I want to dwell between my Lover’s thighs and the sweet realm of synthetical estrogen (lol again). But… How to get there? How to excavate it? How to make it last between all those wounds? Our joy is our greatest source of rebellion, more powerful than any form of sabotage, blockade or riot. It is the thing that makes all the latter possible, or worth enduring. It’s the line of flight heading towards somewhere else, another unknown place (which means utopia). I don’t wanna “find utopia”, but a place of utopism between the flames, between that pain within me, between the two of us, between the all of us… Somewhere. I want to get on my ship and sail out for joy.
[Abschlusstext von Sophie Rantner]
[…]
